Im Interview mit Sandra Grüning | Bilder der Erinnerung

Sie haben es sich wahrlich nicht leicht gemacht, haben für ihren Traum alles aufgegeben. Haben ihr Haus verkauft, ein gutes Leben hinter sich gelassen. All das, um in Heringsdorf auf Usedom noch einmal ganz neu anzufangen. Sie – das sind Sibylle und Uwe Wehrmann. Und sie sind gekommen, um zu bleiben. „Wir hatten eine eigene Firma im Siegerland. Wir waren abgesichert. Aber als wir zum ersten Mal in diesem Haus Urlaub gemacht und von hier oben über die Ostsee geschaut haben, konnten wir uns sehr gut vorstellen, hier zu leben“, erzählt Sibylle Wehrmann. Das war 1992.

Erst ein Jahr zuvor hatte die Familie Wehrmann ihr einstiges Eigentum, das ehemalige FDGB-Heim Ostseeblick, von der Treuhand zurückerwerben dürfen. Für die Eltern von Uwe Wehrmann, Günther und Felicitas, war das ein sehr emotionaler Schritt. Denn es war ein Nachhausekommen nach fast 40 Jahren. Und mit der Rückführung des Hauses an die Familie Wehrmann war der Weg frei für ein neues Kapitel in der Geschichte des Ostseeblick.

Eine Geschichte, die knapp 90 Jahren zuvor begonnen hatte. Im Jahr 1936 kaufte Kurt Wehrmann, der Großvater von Uwe, das alte Weinhaus Treptow auf dem Kulm mit Blick auf die Ostsee von der Kreissparkasse. Zusammen mit seiner Frau baute er es zu einem kleinen Hotel mit Restaurant um. Kurt war Koch und liebte gutes Essen. Kein Wunder also, dass im frisch eröffneten Hotel Ostseeblick auf Gaumengenüsse sehr viel Wert gelegt wurde. „Mein Opa räucherte den Fisch sogar selbst oder produzierte eigenes Eis, von dem er den Kindern der Nachbarschaft immer eines spendierte“, erzählt Uwe Wehrmann. Der Speisesaal mit einer schönen Holzbalkendecke war auch unter Einheimischen für Familienfeiern sehr beliebt.

Manche Träume sind stärker als die Zeit

Doch alles änderte sich 1953. Für die neue Regierung der Deutschen Demokratischen Republik sollte dem Volk alles Eigentum gehören. Dafür wurden in der „Aktion Rose“ kurzerhand rund 450 Familien – vor allem Betreiber von Hotels an der Ostseeküste – zwangsenteignet. Darunter auch das Hotel Ostseeblick von Kurt Wehrmann. Damit jedoch nicht genug. Die Großeltern von Uwe Wehrmann wurden als Wirtschaftsverbrecher sogar zu Gefängnisstrafen verurteilt. Denn bei einer Razzia beschlagnahmte die Polizei zufälligerweise zu diesem Zeitpunkt im Hotel untergestellte Heringe und Zucker. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Für die damals streng reglementierten und rationierten Versorgungsverhältnisse war das ein schweres Verbrechen. Fünf Jahre saß Kurt Wehrmann in Bützow im Gefängnis, vier Jahre seine Frau Elisabeth.

Zwar kehrten die beiden nach der Haftentlassung nach Heringsdorf zurück. Doch in das traute Heim, das jetzt ein staatliches FDGB-Heim war, dürfen sie nicht wieder zurück. „Das hat meine Großeltern gebrochen“, bedauert Uwe Wehrmann. Um alles hinter sich zu lassen, gehen Kurt und Elisabeth mit ihren Kindern nach Hamburg, fangen noch einmal ganz von vorne an.

Uwe Wehrmann kommt in Memmingen zu Welt. „Aufgewachsen und zur Bundeswehr gegangen, bin ich aber in Flensburg. Die Liebe zum Wasser wurde mir offenbar in die Wiege gelegt“, scherzt er. Uwe macht eine kaufmännische Ausbildung und lernt seine Frau Sibylle, eine Rheinländerin aus Kerpen, kennen. Sie machen sich selbstständig, gründen eine eigene Firma. Zwei Töchter, Muriel und Lisa, ein Haus in Iserlohn – der Familie Wehrmann geht es gut. Auch wenn die Bilder und die Erinnerungen von Uwes Großeltern und Eltern vom weit entfernten Haus auf Usedom sie immer begleitet haben. Oft fließen beim sonntäglichen Kaffeetrinken mit der Oma Elisabeth, die immer gedeckten Apfelkuchen mitbringt, beim Träumen von Heringsdorf Tränen. Denn Träume sind stärker als die Zeit.

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